Vor der Elternzeit scheint die Rückkehr in den Beruf häufig recht klar: Eine Zeit lang aussteigen, die Betreuung organisieren, den passenden Stundenumfang festlegen – und anschließend wieder einsteigen.
Doch was ist, wenn sich in dieser Zeit nicht nur der Alltag verändert hat?
Der berufliche Ehrgeiz kann noch genauso vorhanden sein. Die Freude an der Arbeit ebenfalls. Und trotzdem haben sich Prioritäten verschoben, Anforderungen an das eigene Leben verändert oder neue Vorstellungen davon entwickelt, wie viel Raum der Beruf künftig einnehmen soll.
Eine Elternzeit ist schließlich nicht einfach eine längere berufliche Pause. In dieser Zeit entsteht ein neuer Alltag, Verantwortung verändert sich und Entscheidungen, die vorher theoretisch waren, werden plötzlich sehr konkret.
Wie viel Zeit möchte ich mit meinem Kind verbringen? Welche Form der Betreuung fühlt sich für mich richtig an? Wie wichtig ist mir meine berufliche Entwicklung weiterhin? Und was bin ich bereit, dafür zu organisieren oder an anderer Stelle aufzugeben?
Darauf gibt es keine allgemeingültige Antwort.
Manche Eltern möchten beruflich möglichst genau dort weitermachen, wo sie aufgehört haben. Andere möchten ihre Arbeitszeit deutlich reduzieren. Und wieder andere stellen fest, dass sie weiterhin viel erreichen und Verantwortung übernehmen möchten – aber nicht mehr unter denselben Bedingungen wie zuvor.
Nach der Elternzeit haben sich also nicht zwangsläufig die beruflichen Ambitionen verändert. Verändert haben können sich vielmehr die Maßstäbe, an denen wir ein stimmiges Berufsleben messen.
Wenn Arbeit weiterhin wichtig ist – aber nicht mehr alles bestimmt
Ich selbst bin vor meiner ersten Elternzeit davon ausgegangen, anschließend im Wesentlichen als dieselbe Person in meinen Beruf zurückzukehren.
Heute sehe ich das anders.
Ich arbeite noch immer sehr gerne. Arbeit fordert mich, gibt mir einen eigenen Raum und kann für mich sogar einen Ausgleich zum Familienalltag darstellen. Gleichzeitig definiere ich mich heute weniger über meinen Beruf als früher.
Auch meine Vorstellungen von Vereinbarkeit haben sich verändert. Manche Modelle, die ich mir vorher durchaus vorstellen konnte, passten für mich plötzlich nicht mehr.
Mir ist beispielsweise wichtig, meine Kinder nicht nur morgens und abends für kurze Zeit zu sehen. Ich möchte an ihrem Alltag teilhaben, ihnen Verabredungen ermöglichen, mit ihnen Zeit draußen verbringen oder sie zu ihren Hobbys begleiten können.
Das bedeutet für mich aber nicht, dass Arbeit zu einer bestimmten Uhrzeit grundsätzlich beendet sein muss. Ich setze mich durchaus auch am Abend oder am Wochenende noch einmal an berufliche Aufgaben, wenn das für mich und unseren Familienalltag die passendere Lösung ist.
Andere Familien werden diese Fragen anders beantworten. Genau darum geht es.
Vereinbarkeit beschreibt für mich kein bestimmtes Modell. Entscheidend ist, welches Modell zum eigenen Leben passt.
Weniger Zeit bedeutet nicht automatisch weniger Ambition
Aus meiner langjährigen Tätigkeit im Human Resources Bereich kenne ich auch die Unternehmensperspektive auf die Rückkehr nach einer Elternzeit.
Natürlich müssen dabei ganz praktische Fragen geklärt werden: Arbeitszeit, Verfügbarkeit, Zuständigkeiten und Vertretung. Eine Teilzeitstelle kann keine Vollzeitstelle ersetzen. Wer weniger Stunden arbeitet, kann nicht dauerhaft dasselbe Arbeitsvolumen übernehmen.
Gleichzeitig sagt die Anzahl der vereinbarten Wochenstunden wenig darüber aus, wie motiviert jemand ist oder welchen beruflichen Anspruch diese Person weiterhin hat.
Gerade bei Tätigkeiten, die ein hohes Maß an selbstständigem Arbeiten ermöglichen, halte ich deshalb eine andere Frage für interessant: Wie viel zeitliche Präsenz braucht eine Aufgabe tatsächlich?
Ob eine Ausarbeitung um 19 Uhr abgeschlossen wird oder am nächsten Morgen um 6 Uhr vorliegt, kann je nach Tätigkeit entscheidend sein. Es kann aber auch vollkommen unerheblich sein.
Wichtiger ist, dass Erwartungen klar sind, Absprachen funktionieren, Verantwortung übernommen wird und Aufgaben nicht liegen bleiben.
Das bedeutet nicht, dass Unternehmen jede gewünschte Form der Flexibilität ermöglichen können. Es bedeutet aber ebenso wenig, dass weniger zeitliche Verfügbarkeit automatisch mit weniger beruflichem Engagement gleichzusetzen ist.
Vereinbarkeit braucht Bewegung auf beiden Seiten
Wer nach der Elternzeit andere Rahmenbedingungen benötigt, sollte aus meiner Sicht nicht nur formulieren können, was nicht mehr möglich ist. Ebenso wichtig ist eine Vorstellung davon, wie ein tragfähiges Modell aussehen könnte.
Dabei geht es auch um die Frage, wo Verlässlichkeit notwendig ist, wo eigene Flexibilität möglich bleibt und welche Verantwortung innerhalb des gewünschten Stundenumfangs realistisch übernommen werden kann.
Auch auf Unternehmensseite lohnt sich der Blick darauf, welche Rahmenbedingungen tatsächlich notwendig sind und an welchen Stellen andere Lösungen möglich wären.
Denn natürlich kann Familie die eigene zeitliche Verfügbarkeit verändern.
Gerade in den ersten Jahren sind Kinder häufig krank, Betreuung fällt aus und Pläne müssen kurzfristig verändert werden. Das lässt sich nicht wegdiskutieren.
Aber auch das sagt zunächst nichts darüber aus, wie wichtig jemandem der eigene Beruf ist oder wie viel Verantwortung diese Person übernehmen möchte.
Die Rahmenbedingungen haben sich verändert. Nicht zwangsläufig der berufliche Anspruch.
Wenn eigentlich alles in Ordnung ist – und es trotzdem nicht mehr passt
Besonders interessant finde ich die Situationen, in denen sich die Unzufriedenheit gar nicht eindeutig an äußeren Umständen festmachen lässt.
Der Job ist gut. Das Einkommen passt. Die Rahmenbedingungen sind sogar familienfreundlich.
Und trotzdem entsteht das Gefühl:
Eigentlich dürfte ich mich gar nicht beschweren. Aber so möchte ich nicht weitermachen.
Diesen Gedanken kann ich gut nachvollziehen.
Meine erste Frage wäre an dieser Stelle nicht, was an der aktuellen Situation falsch ist.
Sondern:
Wissen Sie bereits, wohin Ihre Reise gehen soll?
Denn etwas muss nicht schlecht sein, damit es nicht mehr zum eigenen Leben passt.
Gerade in solchen Situationen zeigt sich, dass eine Entscheidung auf dem Papier richtig sein kann und sich trotzdem nicht stimmig anfühlt. Mit diesem Unterschied zwischen richtigen und stimmigen Entscheidungen beschäftige ich mich ausführlicher in meinem Beitrag „Nicht jede richtige Entscheidung ist auch eine stimmige Entscheidung“.
Die Vorstellung davon, was beruflicher Erfolg bedeutet, kann sich verändert haben. Bedürfnisse sind hinzugekommen, die früher kaum eine Rolle gespielt haben. Oder man stellt fest, dass man beruflich weiterhin viel möchte – nur nicht mehr um jeden Preis.
Für mich persönlich hat sich die Definition von beruflichem Erfolg verändert.
Ich möchte einer Tätigkeit nachgehen, die ich als sinnvoll empfinde, in der ich gestalten kann und die gleichzeitig einen guten Lebensstandard ermöglicht.
Das ist für mich nicht weniger Anspruch.
Es ist ein anderer.
Berufliche Neuorientierung beginnt nicht zwingend mit einem neuen Job
Wenn sich die eigenen Prioritäten verändert haben, bedeutet das nicht automatisch, dass eine Kündigung oder ein vollständiger beruflicher Neuanfang die richtige Konsequenz ist.
Oft lässt sich zunächst prüfen, ob sich die bestehende Tätigkeit anders gestalten lässt: durch einen anderen Stundenumfang, eine veränderte Aufgabenverteilung oder mehr zeitliche Flexibilität.
Manchmal zeigt die Auseinandersetzung aber auch, dass das bisherige berufliche Modell tatsächlich nicht mehr zu dem Leben passt, das man heute führen möchte.
Bevor die Suche nach einer konkreten Alternative beginnt, halte ich deshalb zwei Fragen für wesentlich:
Was soll in meinem Leben heute anders sein? Und was möchte ich beruflich auf keinen Fall verlieren?
Die Antworten darauf liefern noch keinen fertigen Plan. Sie können aber dabei helfen zu verstehen, wonach man eigentlich sucht.
Denn die wichtigste Erkenntnis nach einer Elternzeit muss gar nicht sein, dass etwas weniger geworden ist.
Nicht der Ehrgeiz. Nicht die Freude an der Arbeit. Und auch nicht der Wunsch, sich beruflich weiterzuentwickeln.
Es ist etwas hinzugekommen.
Neue Prioritäten, andere Bedürfnisse und ein Leben, zu dem der eigene Beruf ebenfalls passen muss.
Die Frage ist dann nicht nur:
Wie kann ich wieder arbeiten wie vorher?
Sondern auch:
Möchte ich das überhaupt noch?