Nicht jede richtige Entscheidung ist auch eine stimmige Entscheidung

Warum die Frage nach der richtigen Entscheidung manchmal an der eigentlichen Frage vorbeiführt.

Eine Frage begegnet mir in Gesprächen immer wieder:

„Woher weiß ich, dass ich die richtige Entscheidung treffe?“

Es ist eine verständliche Frage. Schließlich geht es häufig um Entscheidungen mit weitreichenden Folgen – einen Jobwechsel, eine berufliche Neuorientierung oder den Schritt in eine völlig neue Richtung.

Auch ich habe mir diese Frage schon oft gestellt.

Heute beschäftigt mich noch eine andere Frage.

Nicht, weil ich glaube, dass die Suche nach der richtigen Entscheidung grundsätzlich falsch ist. Sondern weil ich mich frage, ob sie uns immer weiterführt.

Denn sie setzt voraus, dass es eine objektiv richtige Entscheidung gibt.

Eine Beobachtung ist mir über die Jahre immer wieder begegnet: Gerade die Entscheidungen, die unser Leben nachhaltig verändern, lassen sich selten eindeutig als richtig oder falsch einordnen.

Nachdem ich diesen Gedanken auf LinkedIn geteilt hatte, entstand in den Kommentaren ein interessanter Austausch. Dabei fiel der Satz, dass Richtigkeit häufig im Auge des Betrachters liegt.

Ich finde, genau darin liegt etwas Wesentliches. Die Bewertung einer Entscheidung verändert sich häufig mit unserem Blickwinkel – und nicht selten auch mit der Zeit.

Was wir heute als richtig bewerten, sehen wir rückblickend manchmal anders. Eine Entscheidung, die sich zunächst unsicher angefühlt hat, kann sich später als genau die richtige erweisen. Gleichzeitig können Entscheidungen, die im jeweiligen Moment vernünftig, logisch oder naheliegend erschienen, mit der Zeit ihre Stimmigkeit verlieren.

Deshalb geht es vielleicht gar nicht zuerst um die Frage, ob eine Entscheidung richtig ist.

Stattdessen lohnt es sich, zunächst eine andere Frage zu stellen:

Ist diese Entscheidung – mit dem Wissen, den Erfahrungen und der Lebenssituation, die ich heute habe – für mich stimmig?

Vielleicht beginnt genau hier der Unterschied zwischen einer richtigen und einer stimmigen Entscheidung.

Warum uns die Frage nach der richtigen Entscheidung so sehr beschäftigt

Vielleicht stellt sich an dieser Stelle eine weitere Frage.

Warum beschäftigt uns die Suche nach der richtigen Entscheidung überhaupt so sehr?

Ich glaube, weil sie uns Sicherheit verspricht.

Wenn es die eine richtige Entscheidung gibt, dann müsste es auch möglich sein, sie zu finden. Also vergleichen wir Möglichkeiten, wägen Vor- und Nachteile ab, sprechen mit Menschen, denen wir vertrauen, und sammeln immer mehr Informationen.

Das ist zunächst etwas ganz Natürliches. Schließlich möchten wir Entscheidungen treffen, die wir später nicht bereuen.

Und dennoch beobachte ich immer wieder, dass genau dieser Wunsch nach Sicherheit uns manchmal davon abhält, wirklich weiterzukommen.

Je länger wir versuchen, alle Eventualitäten auszuschließen, desto größer wird häufig die Unsicherheit. Plötzlich geht es nicht mehr nur darum, eine Entscheidung zu treffen. Es geht darum, die richtige Entscheidung zu treffen.

Damit wächst auch der Druck.

Denn was bedeutet das überhaupt – die richtige Entscheidung?

Diejenige, die vernünftig erscheint?

Diejenige, die andere nachvollziehen können?

Oder diejenige, die sich auch Jahre später noch als richtig herausstellt?

Vielleicht liegt genau darin die Schwierigkeit.

Wir versuchen eine Frage zu beantworten, auf die es in vielen Lebenssituationen keine objektive Antwort gibt.

Berufliche und persönliche Entscheidungen entstehen schließlich nicht im luftleeren Raum. Sie werden von unserer Lebensphase, unseren Erfahrungen, unseren Werten und unseren Prioritäten beeinflusst. Was sich heute stimmig anfühlt, hätte sich vor fünf Jahren vielleicht noch ganz anders angefühlt. Und auch in fünf Jahren werden wir manche Entscheidungen vermutlich mit einem anderen Blick betrachten.

Gerade deshalb glaube ich, dass es sich lohnt, den Blick zu verändern.

Nicht weg von der Vernunft – sie ist ein wichtiger Teil jeder Entscheidung.

Sondern hin zu der Frage, ob eine Entscheidung auch zu dem Menschen passt, der sie trifft.

Wann sich eine Entscheidung stimmig anfühlt

Wenn ich von einer stimmigen Entscheidung spreche, meine ich damit keine Entscheidung, die sich leicht anfühlt.

Ich meine auch keine Entscheidung, die frei von Zweifeln ist.

Und erst recht keine Entscheidung, die garantiert zum gewünschten Ergebnis führt.

Ich glaube sogar, dass viele stimmige Entscheidungen zunächst Unsicherheit mit sich bringen.

Ein Jobwechsel.

Die Entscheidung, Verantwortung abzugeben.

Oder der Entschluss, einen Weg zu verlassen, obwohl von außen betrachtet eigentlich alles zu passen scheint.

Was aber, wenn von außen betrachtet tatsächlich alles in Ordnung ist – und trotzdem Unzufriedenheit entsteht? Mit genau dieser Frage beschäftige ich mich in meinem Beitrag „Eigentlich müsste ich zufrieden sein“.

Stimmigkeit bedeutet für mich deshalb nicht, dass eine Entscheidung bequem ist.

Sie bedeutet auch nicht, dass sie für andere sofort nachvollziehbar sein muss.

Vielmehr beschreibt sie den Moment, in dem eine Entscheidung zur eigenen Lebenssituation passt. Zu den eigenen Werten. Zu den Prioritäten. Und zu dem, was einem im jeweiligen Lebensabschnitt wirklich wichtig ist.

Genau deshalb kann dieselbe Entscheidung für zwei Menschen völlig unterschiedlich sein.

Und genau deshalb kann sich auch für denselben Menschen eine Entscheidung im Laufe des Lebens verändern.

Was sich vor zehn Jahren richtig angefühlt hat, muss es heute nicht mehr.

Nicht, weil die damalige Entscheidung falsch war.

Sondern weil wir uns weiterentwickeln.

Vielleicht bedeutet Stimmigkeit genau das.

Nicht mit absoluter Sicherheit zu wissen, dass eine Entscheidung die richtige ist.

Sondern sich selbst so gut zu verstehen, dass sie nicht aus Unsicherheit, sondern aus Überzeugung getroffen werden kann.

Rückblickend glaube ich, dass genau diese Haltung über die Jahre entstanden ist – weil ich Entscheidungen immer wieder aus unterschiedlichen Perspektiven erleben durfte.

Im Human Resources Bereich ging es häufig darum, Menschen bei beruflichen Veränderungen zu begleiten, Potenziale einzuschätzen oder Karriereschritte gemeinsam zu reflektieren. Ich habe dieselben Entscheidungen häufig aus unterschiedlichen Blickwinkeln erlebt – mal aus Sicht des Unternehmens, mal aus Sicht der Mitarbeitenden.

Dabei ist mir immer wieder aufgefallen: Eine objektiv attraktive Möglichkeit war nicht automatisch auch die stimmigste Entscheidung.

Denn was auf dem Papier überzeugte, passte nicht immer zu dem Menschen, der diese Entscheidung treffen sollte.

Vielleicht klingt dieser Gedanke zunächst etwas theoretisch.

Für mich zeigt sich Stimmigkeit jedoch immer wieder in ganz konkreten Situationen.

Eine davon betrifft meinen eigenen beruflichen Weg.

In einer Phase meines Berufslebens war ich mit meiner Rolle und den damit verbundenen Herausforderungen so zufrieden, dass Ansprachen von außen für mich kaum eine Rolle spielten.

Nicht, weil es keine interessanten Möglichkeiten gegeben hätte.

Sondern weil ich mich mit meiner Aufgabe, meinem Umfeld und meiner Verantwortung sehr verbunden gefühlt habe. Ich hatte das Gefühl, genau am richtigen Platz zu sein.

Objektiv sprach vieles für einen Wechsel.

Noch mehr Verantwortung.

Eine neu zu etablierende Rolle mit neuen Herausforderungen.

Und trotzdem fühlte sich keiner dieser Schritte stimmiger an als der Weg, den ich bereits eingeschlagen hatte.

Rückblickend war das für mich eine wichtige Erkenntnis.

Nicht jede attraktive Möglichkeit muss genutzt werden.

Und nicht jede Entscheidung führt zwangsläufig zu Veränderung.

Manchmal zeigt sich Stimmigkeit gerade darin, den eigenen Weg bewusst weiterzugehen.

Nicht aus Gewohnheit.

Nicht aus Angst vor Veränderung.

Sondern aus der Überzeugung heraus, dass dieser Weg in diesem Moment zum eigenen Leben passt.

Warum Klarheit Zeit braucht

Vielleicht wird an dieser Stelle auch verständlich, warum Coaching für mich nicht bedeutet, möglichst schnell Antworten zu finden.

Viele Menschen kommen nicht zu mir, weil ihnen Informationen fehlen.

Sie kommen, weil sie ihre Gedanken sortieren möchten.

Weil unterschiedliche Erwartungen aufeinandertreffen.

Weil sich Überzeugungen verändert haben.

Oder weil sie spüren, dass etwas nicht mehr stimmig ist, ohne es bereits benennen zu können.

Deshalb beginnt Coaching für mich auch nicht mit einer Lösung.

Es beginnt damit, die eigene Situation wirklich zu verstehen, Gedanken zu ordnen, Zusammenhänge sichtbar zu machen und den Fragen Raum zu geben, die im Alltag häufig keinen Platz finden.

Denn Klarheit entsteht aus meiner Sicht selten dadurch, dass jemand von außen die passende Antwort liefert.

Sie entsteht, wenn Menschen beginnen, ihre eigenen Antworten zu erkennen.

Nicht, weil sie neu wären.

Sondern weil sie zwischen Erwartungen, Verantwortung und Alltag oft in den Hintergrund geraten sind.

Coaching beginnt deshalb für mich nicht mit der Suche nach der richtigen Antwort. Sondern damit, den eigenen Gedanken, Erfahrungen und Fragen den Raum zu geben, den sie brauchen, damit Klarheit entstehen kann.

Abschließende Gedanken

Vielleicht werden wir nie mit letzter Sicherheit wissen, ob eine Entscheidung die richtige war.

Manche Antworten gibt uns erst die Zeit.

Ob sich eine Entscheidung heute stimmig anfühlt, können wir jedoch schon jetzt prüfen.

Nicht, indem wir versuchen, jede Unsicherheit auszuschließen.

Sondern indem wir beginnen, uns selbst besser zu verstehen.

Für mich beginnt genau dort der Weg zu Entscheidungen, die nicht nur vernünftig erscheinen, sondern sich auch langfristig tragen.

Zurück
Zurück

„Eigentlich dürfte ich mich gar nicht beschweren.“