„Eigentlich dürfte ich mich gar nicht beschweren.“

Warum es sich lohnt, genauer hinzusehen, wenn vermeintlich alles in Ordnung ist.

„Eigentlich dürfte ich mich gar nicht beschweren.“

Ist das nicht ein Satz, den viele von uns schon einmal gedacht oder sogar ausgesprochen haben?

Und fast immer folgt darauf eine Erklärung.

„Ich habe doch einen guten Job.“

„Eigentlich müsste ich zufrieden sein.“

„Andere haben viel größere Probleme.“

Mich beschäftigt dabei weniger die Erklärung, die auf diesen Satz folgt.

Sondern die Überzeugung, die dahintersteht.

Als müssten wir uns erst das Recht verdienen, auszusprechen, dass sich etwas nicht mehr stimmig anfühlt. Oder als müsste Unzufriedenheit objektiv begründbar sein, bevor wir bereit sind, sie ernst zu nehmen.

Dabei kann äußerlich vieles in Ordnung sein – und trotzdem kann etwas fehlen, nicht mehr passen oder sich verändert haben.

Vielleicht lohnt es sich deshalb, genauer hinzusehen.

Wenn objektiv doch eigentlich alles stimmt

Gerade im beruflichen Kontext begegnet mir dieser Widerspruch immer wieder.

Da ist ein sicherer Arbeitsplatz, ein gutes Gehalt, ein Umfeld, das grundsätzlich funktioniert.

Vielleicht trägt man sogar eine hohe Verantwortung, erhält Anerkennung oder nimmt eine Position ein, auf die lange hingearbeitet wurde.

Und trotzdem taucht irgendwann die Frage auf, ob das wirklich noch das ist, was man möchte.

Eigentlich gibt es keinen offensichtlichen Grund zur Unzufriedenheit.

Und genau das macht sie manchmal so schwer greifbar.

Denn je mehr Argumente dafürsprechen, zufrieden zu sein, desto schwieriger kann es werden, das eigene Erleben ernst zu nehmen.

Wir beginnen abzuwägen.

Nicht zwischen verschiedenen Möglichkeiten. Sondern zwischen dem, was wir empfinden, und dem, was wir glauben empfinden zu müssen.

„Andere wären froh über meinen Job.“

„So schlecht habe ich es doch gar nicht.“

„Vielleicht erwarte ich einfach zu viel.“

Natürlich kann es hilfreich sein, die eigene Situation einzuordnen und die Perspektive zu wechseln.

Schwierig wird es aus meiner Sicht dort, wo der Vergleich dazu führt, dass die eigene Wahrnehmung keinen Platz mehr bekommt.

Denn die Tatsache, dass ein anderer Mensch mit einer Situation zufrieden wäre, beantwortet nicht die Frage, ob sie für mich noch passt.

Dankbarkeit und Unzufriedenheit schließen sich nicht aus

Vielleicht liegt ein Teil der Schwierigkeit darin, dass wir Dankbarkeit und Unzufriedenheit häufig wie Gegensätze behandeln.

Entweder ich weiß zu schätzen, was ich habe. Oder ich bin unzufrieden damit.

Aber muss das wirklich ein Widerspruch sein?

Ich kann dankbar für eine berufliche Möglichkeit sein und trotzdem feststellen, dass sie nicht mehr zu meiner heutigen Lebenssituation passt.

Ich kann meine Kolleginnen und Kollegen mögen und trotzdem merken, dass mir meine Aufgabe nicht mehr entspricht.

Ich kann stolz auf das sein, was ich erreicht habe, und mich gleichzeitig fragen, ob ich diesen Weg weitergehen möchte.

Und ich kann anerkennen, dass vieles gut ist, ohne daraus ableiten zu müssen, dass deshalb alles so bleiben sollte.

Vielleicht wird es sogar leichter, die eigene Situation realistisch zu betrachten, wenn beides nebeneinanderstehen darf.

Das Gute muss nicht kleingeredet werden, damit das, was fehlt, ernst genommen werden darf.

Wenn aus Wahrnehmung Bewertung wird

Der Satz „Eigentlich dürfte ich mich gar nicht beschweren“ ist für mich deshalb so interessant, weil er einen kleinen, aber entscheidenden Wechsel markiert.

Wir versuchen nicht mehr zu verstehen, warum uns etwas beschäftigt.

Wir beginnen zu bewerten, ob es uns überhaupt beschäftigen darf.

Damit verändert sich die Frage.

Aus:

„Was ist eigentlich los?“

wird:

„Habe ich überhaupt einen Grund, so zu denken?“

Und aus:

„Was fehlt mir?“

wird:

„Bin ich vielleicht einfach undankbar?“

Das kann dazu führen, dass wir sehr lange über die Berechtigung unseres Empfindens nachdenken, ohne uns mit seinem eigentlichen Inhalt auseinanderzusetzen.

Dabei wäre vielleicht gerade dieser Inhalt interessant.

Was hat sich verändert?

Was fehlt heute, das früher vielleicht weniger wichtig war?

Welche Erwartungen habe ich an meine Arbeit, meine Rolle oder mein Leben?

Welche Prioritäten haben sich verschoben?

Und seit wann beschäftigt mich dieser Gedanke überhaupt?

Keine dieser Fragen verlangt sofort nach einer Konsequenz.

Aber sie können helfen zu verstehen, worum es eigentlich geht.

Nicht jedes Gefühl verlangt nach Veränderung

Mir ist an dieser Stelle eine Unterscheidung wichtig.

Das eigene Erleben ernst zu nehmen bedeutet nicht, ihm automatisch zu folgen.

Nicht jede Phase der Unzufriedenheit braucht einen Jobwechsel.

Nicht jeder Zweifel bedeutet, dass eine Entscheidung falsch war.

Und nicht jeder schwierige Tag ist ein Hinweis darauf, dass sich grundsätzlich etwas verändern muss.

Manchmal ist Unzufriedenheit vorübergehend.

Manchmal entsteht sie durch eine konkrete Situation, die sich lösen lässt.

Und manchmal zeigt sie tatsächlich, dass sich etwas Grundsätzlicheres verschoben hat.

Welche dieser Möglichkeiten zutrifft, lässt sich aber nur schwer herausfinden, wenn der erste Impuls darin besteht, das eigene Empfinden nichtig zu machen.

Vielleicht braucht es deshalb zunächst keine Entscheidung.

Sondern Neugier.

Nicht:

„Was muss ich jetzt verändern?“

Sondern:

„Was genau möchte ich hier eigentlich verstehen?“

Warum Vergleiche dabei nur bedingt helfen

„Andere haben viel größere Probleme.“

Auch dieser Satz kann helfen, die eigene Situation einzuordnen. Aber er beantwortet nicht die Frage, wie ich sie selbst erlebe.

Gerade bei beruflichen Themen wird das besonders deutlich.

Ein sicherer Job kann für einen Menschen genau das sein, was er braucht.

Für einen anderen kann dieselbe Sicherheit irgendwann als Begrenzung erlebt werden.

Verantwortung kann motivieren. Oder auch zu viel werden.

Eine Karriere, die lange ein klares Ziel war, kann weiterhin passen – oder mit der Zeit ihre Bedeutung verändern.

Keine dieser Bewertungen ist allgemeingültig.

Sie hängt davon ab, wer wir sind, in welcher Lebensphase wir uns befinden und was uns heute wichtig ist.

Verstehen, bevor wir verändern

Das ist der Punkt, an dem für mich Coaching interessant wird.

Nicht dort, wo möglichst schnell entschieden werden soll, was als Nächstes passiert.

Sondern dort, wo den eigenen Gedanken zunächst Raum gegeben wird, um zu verstehen, was einen überhaupt bewegt.

Denn zwischen

„Ich sollte doch zufrieden sein“

und

„Ich möchte kündigen“

liegt eine große Spanne, in der Fragen entstehen, Gedanken sortiert und Widersprüche offengelegt werden dürfen.

Dabei kann sich zeigen, dass gar keine große Veränderung notwendig ist.

Vielleicht braucht es andere Rahmenbedingungen.

Ein Gespräch.

Eine klarere Grenze.

Eine veränderte Aufgabe.

Oder einen neuen Blick auf die eigene Situation.

Und manchmal entsteht tatsächlich die Erkenntnis, dass etwas Grundsätzlicheres nicht mehr passt.

Beides ist möglich.

Und wenn sich daraus irgendwann die Frage nach einer Veränderung entwickelt, kann eine ganz andere Frage interessant werden: Welche Entscheidung ist für die eigene Situation wirklich stimmig?

Coaching setzt deshalb bei den Gedanken, Erfahrungen und Fragen an, die ein Mensch bereits mitbringt. Nicht mit dem Ziel, Unzufriedenheit möglichst schnell aufzulösen, sondern sie zunächst einordnen und verstehen zu können.

Abschließende Gedanken

„Eigentlich dürfte ich mich gar nicht beschweren.“

Vielleicht lohnt es sich, diesen Satz beim nächsten Mal nicht sofort mit einer Begründung zu beantworten.

Sondern kurz innezuhalten und diesen Gedanken wirken zu lassen.

Denn es geht nicht darum, jedem Gefühl sofort zu folgen.

Und auch nicht darum, aus jedem Zweifel eine Veränderung abzuleiten.

Aber vielleicht müssen wir unser eigenes Erleben auch nicht erst rechtfertigen, bevor wir bereit sind, genauer hinzusehen.

Manchmal ist Unzufriedenheit keine Antwort. Aber sie kann der erste Schritt sein, genauer hinzusehen und Fragen zu stellen.

Und vielleicht beginnt Klarheit genau dort: nicht mit der Entscheidung, etwas zu verändern, sondern mit der Bereitschaft, verstehen zu wollen, warum etwas überhaupt begonnen hat, uns zu beschäftigen.

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Nicht jede richtige Entscheidung ist auch eine stimmige Entscheidung